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Freiberufler oder Gewerbetreibender – was bin ich?

Jun 27, 2012

von Antinoos

Etsy.com handmade and vintage goods

Hier ein weiterer Beitrag von Nicola Pridik, Spezialistin für klare Rechtskommunikation, die für uns ein paar Themen rund um Recht, Ordnung und Etsy näher beleuchten wird. Der erste Artikel der Reihe behandelte das Thema gewerblicher und privater Verkauf auf Etsy.

Als kreative Unternehmer betreibt ihr entweder ein Gewerbe oder ihr gehört als Künstler zur Gruppe der Freiberufler. Die Zuordnung hat weitreichende Konsequenzen für eure Selbstständigkeit, denn als Gewerbetreibende (Kaufleute) müsst ihr verschiedene Regeln beachten, die für Freelancer nicht gelten. So seid ihr z. B. verpflichtet, euer Gewerbe anzumelden und es ins Handelsregister eintragen zu lassen, Mitglied der örtlichen IHK oder Handwerkskammer zu werden, Gewerbesteuer zu zahlen und aufwendig Buch zu führen. Richtig bemerkbar machen sich die Unterschiede zwischen Gewerbetreibenden und Freiberuflern allerdings erst dann, wenn ihr bereits ganz gut verdient. Gewerbesteuer fällt nämlich nur an, wenn euer Einkommen im Jahr über 24.500 Euro liegt. Auch gelten nicht ganz so strenge Regeln wie bei Kaufleuten, wenn ihr lediglich ein Kleingewerbe betreibt. Dann könnt ihr euch z. B. mit einer einfachen Einnahmenüberschussrechnung (EÜR) für die Gewinnermittlung begnügen und der Eintrag ins Handelsregister ist freiwillig. Trotzdem haben natürlich die meisten von euch ein Interesse daran, Freiberufler zu sein, um von vornherein und dauerhaft von den Privilegien dieser Unternehmergruppe profitieren zu können.

Das Besondere an Freiberuflern 

Freiberufler gehen einer selbstständigen Tätigkeit nach, die untrennbar mit ihrer Person verbunden ist: Sie erbringen eine eigenschöpferische Leistung und/oder bringen ihr besonderes Fachwissen ein, arbeiten eigenverantwortlich und fachlich unabhängig. Ein Gewerbetreibender kann dagegen auch die Ideen anderer umsetzen, die Produktion seiner Produkte auslagern oder die Erbringung seiner Dienstleistungen delegieren. Damit ist seine Arbeit keinesfalls weniger wert, sie ist nur nicht von seiner Person abhängig, sondern kann von jedem ausgeführt werden, der entsprechend ausgebildet ist und „sein Handwerk“ beherrscht.

Freiberufler hier, Gewerbe dort

Eine genaue Definition für Freiberufler, die in allen Rechtsgebieten gleichermaßen gilt, gibt es nicht. Vielmehr legt jedes Gesetz, in dem Freiberufler eine Rolle spielen, eigene Maßstäbe an. Die Folge ist, dass ihr auch zu Zwittern werden könnt. Beispielsweise ist es möglich, trotz Gewerbeanmeldung beim Finanzamt als Freiberufler geführt oder in die Künstlersozialkasse (KSK) aufgenommen zu werden. Umgekehrt führt eine Mitgliedschaft in der KSK nicht automatisch zum Freiberuflerstatus im Steuerrecht. Nachfolgend weihen wir euch in die Regeln ein, nach denen euch das Finanzamt als Künstler einstuft – oder auch nicht.

Kunst mit und ohne praktischen Nutzen

Die Ämter unterscheiden zwischen freier Kunst und Gebrauchskunst. Die freie Kunst ist Kunst um ihrer selbst willen und deshalb schon per se Ausdruck der eigenschöpferischen Leistung desjenigen, der sie hervorbringt. Folglich können freie/bildende Künstler regelmäßig mit einer Anerkennung als Freiberufler rechnen. Bei Gebrauchskunst, zu der das Kunstgewerbe und das Kunsthandwerk gehören, ist das anders. Hier werden Gegenstände hergestellt, die nicht nur einen künstlerischen Wert, sondern außerdem einen praktischen Nutzen für den Käufer haben. Das legt nicht nur eine Serienproduktion nahe, sondern kann außerdem dazu führen, dass die Individualität des einzelnen Produkts und der künstlerische Schaffensprozess in den Hintergrund treten. Stattdessen bestimmt der Zweck des Produkts über wesentliche Aspekte der Gestaltung – oder der Kunde, der sich eine Maßanfertigung wünscht. Im Ergebnis ist das Produkt also nicht mehr das Ergebnis eines kreativen schöpferischen Prozesses, sondern eines Handwerks, das man erlernen kann. Da jeder Einzelfall anders gelagert ist, prüft das Finanzamt jeweils ganz genau – ggf. unter Hinzuziehung von Sachverständigen –, ob der künstlerische Wert der Arbeit den handwerklich-gewerblichen überwiegt.

Mehr Kunst als Handwerk

Stellt ihr Produkte her, die einen praktischen Nutzen für die Käufer haben, seid ihr nach der Rechtsprechung der Finanzgerichte nur dann Künstler (und keine Kunsthandwerker oder Kunstgewerbetreibenden), wenn

• ihr eine eigenschöpferische Leistung vollbringt, in der eure individuelle Anschauungsweise und Gestaltungskraft zum Ausdruck kommt und

• diese Leistung über eine hinreichende Beherrschung der Technik hinaus eine bestimmte künstlerische Gestaltungshöhe erreicht.

Bei der Beurteilung kann u. a. auch ins Gewicht fallen, dass ihr künstlerisch vorgebildet seid, z. B. durch ein Kunststudium, dass ihr an Kunstausstellungen beteiligt wart, in der Presse über eure Arbeit berichtet wurde oder es Kritiken über sie in Kunstzeitschriften gab. Die Mitgliedschaft in einem künstlerischen Berufsverbund allein reicht dagegen nicht aus, um als Künstler eingestuft zu werden. Die eigenschöpferische Leistung wird z. B. dann verneint, wenn ihr mit eurer „Kunst“ nur einer Moderichtung folgt oder bei der Formgebung bloß auf den allgemeinen Formenschatz oder bekannte Vorbilder zurückgreift. Stets kommt es auf die tatsächlich ausgeübte Gesamttätigkeit an. Wichtig ist, dass ihr auf sämtliche Arbeitsschritte, die zur Herstellung eurer Produkte erforderlich sind, den entscheidenden gestaltenden Einfluss ausübt. Allein der Umstand, dass ihr eure Produkte auch selbst vertreibt, macht euch noch nicht zu einem Gewerbe, solange der Vertrieb einen bestimmten Umfang nicht übersteigt.

Beispiel: Jana ist sehr kreativ, was das „Anziehen“ von Alltagsgegenständen angeht. Gleich, ob Bücher, Tassen, Blumentöpfe oder CDs – sie näht für alles die passgenaue Stoffverpackung. Dabei setzt sie gezielt bestimmte Stoffarten und -muster ein und hat immer wieder neue Ideen, wie sie die Stoffe zusätzlich verschönern kann, z. B. indem sie sie bestickt oder Perlen aufnäht. Jedes ihrer Produkte wurde von ihr persönlich angefertigt und mit viel Liebe individuell gestaltet. Für den Vertrieb der Produkte nutzt Jana ihren Online-Shop auf Etsy. Darüber hinaus ist sie Stammgast auf Weihnachts- und Kunsthandwerkermärkten.

Da Janas Produkte einen Zweck verfolgen, nämlich Alltagsgegenstände zu schützen oder sie zu verschönern, handelt es sich um Gebrauchskunst. Freiberuflerin ist Jana folglich nur dann, wenn der künstlerische Wert ihrer Produkte den Gebrauchswert übersteigt. Dafür könnte sprechen, dass Jana Unikate herstellt, die sie kreativ gestaltet. Andererseits ist ihre eigenschöpferische Leistung allein dadurch eingeschränkt, dass sich die Form der Stoffüberzüge nach der Formgebung der jeweiligen Gebrauchsgegenstände richtet. Hinzu kommt, dass sie ihre Produkte mittlerweile „in Serie“ produziert, allein um immer ausreichend Ware im Angebot zu haben. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass das Finanzamt Jana als Gewerbetreibende einstufen wird.

6 Kommentare

  • NoSilent

    Sylvia Füchsle von NoSilent hat vor 6 Jahre gesagt

    Hi, danke für die wirklich ausführliche Information - damit haben ich tatsächlich etwas anfangen können. Ich habe aus reiner Vorsicht ein Kleingewerbe angemeldet, um einfach keine Probleme mit dem Finanzamt zu bekommen - habe mich aber immer gefragt, ob ich das wirklich auch muss. Frage beantwortet ! Vielen Dank, gruß Sylvia

  • evasossnitza

    Eva Sossnitza von esozadesign hat vor 6 Jahre gesagt

    Vielen Dank! Endlich mal ein Artikel der den Unterschied auch beispielhaft auf den Punkt bringt. Meine Unsicherheit, ob meine Gewerbeanmeldung wirklich notwenig war, wurde in zahlreichen Broschüren und Artikeln im Netz zuvor noch nicht ausreichend beantwortet. Jetzt wird mir Vieles klarer! Liebe Grüße Eva

  • knittysandra

    Sandra Maria Sophie von GoodWitKnit hat vor 6 Jahre gesagt

    Für alle Österreicher: https://www.help.gv.at hat alle Fakten über die Eröffnung eines Gewerbes parat. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die österr. Wirtschaftskammer per Telefon leider nicht so hilfreich ist. Die Website sammelt zumindest alle Fakten gut zusammen. Man muss allerdings ein bisschen rumklicken. ;) Danke für diesen Artikel!

  • Antinoos Mitarbeiter

    Antonia Karaisl von Antinoos hat vor 6 Jahre gesagt

    Danke für das Feedback und - im Namen von Nicola - für das Lob! Wir haben eine Diskussion im Team gestartet, wo wir das Thema gerne ausführlicher mit euch diskutieren würden. WIr freuen uns auf eure Kommentare! https://www.etsy.com/teams/7265/etsys-deutsche-community/discuss/10537216

  • angelikaschwed

    Angelika Schwed von dArtagnon61 hat vor 6 Jahre gesagt

    Danke Leute für diesen informativen Artikel. Hilft mir sehr weiter.

  • Lhiondaig

    Alexandra Knickel von Lhiondaig hat vor 6 Jahre gesagt

    Auch von mir ein dickes Lob! Meines Wissens der Einzige wirklich gute Bericht zu diesem Thema!

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