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Verkäuferporträt: SiebenMorgen

Sep 1, 2010

von maikitten

Heute möchten wir Euch Tinee Häcker – den kreativen Kopf hinter SiebenMorgen – etwas näher vorstellen. Eisbären, Vögel, Rehe und weitere freundliche Zeitgenossen bevölkern die handbedruckte Welt der freischaffenden Künstlerin aus Stuttgart. Wir haben Tinee mit unseren Fragen gelöchert und sie hat uns ganz brav Rede und Antwort gestanden. In unserem Interview erfahrt Ihr nicht nur einiges aus ihrem Alltag, sondern bekommt auch gleich noch hilfreiche Tipps und Anregungen rund ums Thema Selbstständigkeit mitgeliefert. Viel Spaß beim Lesen!

Erzähl uns doch zu Beginn bitte ein wenig von Dir.

 

Guten Tag, mein Name ist Tinee Häcker. Geboren und aufgewachsen bin ich in Würzburg, Unterfranken. Zusammen mit Mann, Kind und Katze lebe und arbeite ich als freischaffende Künstlerin in Stuttgart. Ich mag Kuchen zum Frühstück, Eisbären und Schweizer Schnitzmesser.

Was bedeutet „SiebenMorgen“?
SiebenMorgen ist das Land der Fülle und der Name meines 2007 gegründetem Labels für handbedruckte Spezialitäten aus meiner Druckwerkstatt, wie z.B Linoldruck Editionen, feine Papierwaren und allerlei Souvenirs.

Wie kamst Du zu Deinem jetzigen Beruf ?
Eigentlich wollte ich nie etwas anderes machen, also habe ich mich einfach getraut und Freie Kunst studiert. Damals hatte ich aber noch keine Vorstellung davon, wie der Beruf Freie KünstlerIn später in der Realität bzw. Praxis aussehen sollte, ohne im inspirativen Dachkämmerlein kreativ, aber einsam zu verkümmern. Das wäre bei einem Studium der angewandten schönen Künste vielleicht etwas einfacher gewesen, da ist man schon gleich was nach dem Abschluss, z.B. Modedesigner oder so. Also habe ich einfach immer weiter gearbeitet und eins ergab dann das andere. Alles was ich heute mache ist Teil dieses Prozesses.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag in Deinem Leben aus?
Ein typischer Arbeitstag beginnt mit der zweiten Tasse Kaffee am Rechner, Emails lesen und beantworten, Shop und Blog pflegen, danach ins Atelier, um die nie enden wollende to-do-Liste abzuarbeiten: zeichnen, schneiden, drucken, packen, etc pp. Abends dann noch etwas Arbeit am Rechner und falls noch Zeit und Muße ist, an neuen Entwürfen und Ideen basteln. Das geht am besten, wenn es draußen dunkel ist. Momentan sind solche Tage aber eher selten, da ich gerade erst ein schönes, neues Atelier bezogen habe, das sich noch in der Neu-Sortierung und -Strukturierung befindet. Zu alledem hat natürlich auch meine 16 Monate alte Tochter ein sehr großes Mitspracherecht an meinen Arbeitszeiten. Sie macht aus allen typischen Tagen eher untypische.

Hast Du bestimmte Inspirationsquellen für Deine Arbeit?
Alles ist Inspiration, das Leben ist voll davon! Farben, Formen, Muster, Material, Bücher, Blogs, Zeitschriften, Schuhe, Essen, Musik, Reisen, Freunde, Familie …. Das Internet bietet eine unendliche Fülle von wunderbaren Dingen, aber wenn ich auf der Suche nach etwas Bestimmten, etwa einer gewissen Farbgebung oder Textur bin, dann stöbere ich lieber in Büchern über Kimonostoffe, meinem Fotoarchiv oder alten Kinderbüchern. Oder eben im Farbenladen. Ich habe eine große Schwäche für altniederländische Malerei und alles Japanische. Die meisten Motive für meine Arbeiten jedoch entstammen meist aus meiner direkten Umgebung, wie z.B. meinem Garten.

Was ist für Dich der schwierigste Aspekt daran selbstständig zu sein und was der schönste? Gibt es etwas, was Du besonders gerne an Deinem Beruf magst?
Nun, in meinem Fall bedeutet selbstständig sein, wie das Wort schon sagt, selbst und ständig, rund um die Uhr! Ich bin nicht nur mein eigener Chef, sondern auch Sekretärin, Buchhalterin, Produzentin, Mädchen für alles etc pp und trage die Verantwortung in allen Bereichen. Ich kenne kein Wochenende, habe keine Hobbies und freie Tage sind eher selten, aber ich kann mir meine Zeit einteilen wie es mir beliebt, falls denn welche zur Verfügung steht. Das ist definitiv das Schwierigste: All die Zeit aufzubringen, die so ein Arbeitsdasein verschlingt. Ohne die Unterstützung und das Verständnis meiner Familie wäre das sicherlich nicht möglich. Ich liebe meinen Beruf, weil er mir ermöglicht, das zu tun, was ich am liebsten tue. Das gibt mir Freiheit und Sicherheit, selbst wenn es mal nicht so rund läuft. Am schönsten ist das Feedback von meinen Kunden, Kollegen, Freunden und Lesern – wie Applaus in meinen Ohren, aber viel mehr wert. Es inspiriert mich weiter zu machen.

Was waren die größten Hürden auf Deinem Weg?
Mal von sämtlichen bürokratischen, verwaltungstechnischen und finanziellen Mauern abgesehen, die einem oft den Blick fürs Wesentliche verstellen, der schwierigste Schritt war mich und meine Arbeit endlich ernst genug zu nehmen, um einen richtigen Beruf, ein kleines Unternehmen daraus zu machen. Ich habe mir quasi meinen eigenen Arbeitsplatz geschaffen, allen Unkenrufen und Irrlichtern zum Trotz.  Nun darf man sich aber auch auf keinen Fall zu ernst nehmen… das Maß aller Dinge! Wie auch immer, der Weg war lang und keineswegs gerade, aber ich bin sehr froh und stolz darauf, daß ich mich nicht davon habe abbringen lassen.

Wenn Du die Zeit zurück drehen könntest, welchen Rat würdest Du Deinem früheren Ich mit auf den Weg geben?
Naja, wenn ich irgendwas anders gemacht oder schon damals besser gewusst hätte, wäre ich heute vielleicht nicht hier und hier gefällt es mir eigentlich recht gut. Wobei – eventuell hätte ich mir vorher etwas aufschreiben sollen, damit ich es später nicht vergesse.

Was würdest Du anderen Kreativen raten, die einen ähnlichen beruflichen Weg einschlagen möchten? Hast Du vielleicht ein paar Tipps und Anregungen?
Tu was Du nicht lassen kannst! Finde heraus, worin Du wirklich gut bist, was Du gerne machst und ob Du bereit bist, dafür all Deine Zeit zu investieren und Verantwortung zu übernehmen. Organisiation und Struktur ist wichtig, aber lass Spielraum, um Dinge auszuprobieren. Wenn Du z.B. Spezialistin für aufwändig handbestickte Schmuckstücke bist, plötzlich aber ein paar Eierwärmer häkeln willst oder Lust auf Basteln mit Salzteig hast, go for it! Wer weiß, was am Ende dabei rauskommt. Informiere Dich wo Du nur kannst, Bücher, Foren, Ämter, Freunde, ganz egal. Vernetze Dich mit Gleichgesinnten, sich austauschen, teilen, gegenseitig unterstützen, Neues lernen, weiterkommen – enorm hilfreich! Hab Mut in Deine Arbeit zu investieren, es lohnt sich – mit einem scharfen Messer lässt sich viel besser schneiden. Muss ja nicht gleich das allerteuerste sein. Zu guter letzt: Glaub an Dich und hab Spass dabei.

Hast Du vielleicht noch ein paar Marketing-Ratschläge? Wie machst Du auf deine Produkte aufmerksam?
Für mich funktioniert am besten mein Blog als Info-Center, Werbeplattform Austausch- und Kontaktstelle. Dort stelle ich meine neuen Produkte vor, erzähle vom Arbeitsalltag im Atelier und auch mal vom letzten Familienurlaub. Ein kleiner Einblick ins aktuelle Geschehen in und um SiebenMorgen, nur leider schaffe ich es bis heute nicht, täglich zu bloggen. Aber ich kann’s nur jedem empfehlen – führt ein Blog! Oder, wem’s mehr liegt, der kann bei flickr, facebook, twitter, etc pp. für seine Produkte werben, am besten alles gleichzeitig. Mit flickr hab ich damals angefangen und mittlerweile bin ich sogar bei facebook angekommen, aber da haperts noch gewaltig… Bei Etsy buche ich gelegentlich Plätze in verschiedenen Showcases, das bringt immer wieder neues Publikum in den Laden.

Gibt es rückblickend vielleicht Werbeaktionen, die Du Dir auch hättest sparen können?
Nein. Bis jetzt hat sich noch das letzte bisschen Pressearbeit, jeder Flyer, alle Blog-Aktionen und Werbemittel in vielerlei Hinsicht gelohnt.

Gibt es Dinge, die Du Dir für die Zukunft vorgenommen hast?
Einen Kirschbaum pflanzen, eine fränkische Landschaft in Holz schnitzen und endlich mal wieder Sport treiben. Nein quatsch, ich kann Sport nicht ausstehen! Ich habe mir fest vorgenommen, endlich die Archivschubladen aufzuräumen, die alte Druckpresse hinten in der Werkstatt in Gang zu kriegen und viele neue Linolschnitte zu drucken. SiebenMorgen soll expandieren! Öfters an Märkten teilnehmen und endlich auch mal ein paar reale Läden beliefern. Ich nehme mir täglich vor weniger Kaffee zu trinken, Ordnung zu halten und regelmäßig zu bloggen. Und ich träume heimlich davon, jemanden einzustellen. Jemand, der meine Fotos am Rechner bearbeitet, die Buchhaltung macht, sich ums Archiv kümmert, Ordnung hält und Kaffee kocht.

Wenn Geld keine Rolle spielen würde, gibt es ein Projekt, das Du gerne einmal umsetzen würdest?
Die meisten meiner Projekte scheitern eher am Zeitaspekt als am finanziellen, Ideen gäbe es ja genug. Ich würde gerne mal ein Buch veröffentlichen, eine große Kunstausstellung kuratieren oder auch einen Showroom eröffnen, liebend gerne regelmäßig zum Materialeinkauf nach Japan reisen und dort auch mal für eine Weile bei einem Holzschnittmeister in die Lehre gehen.

Hat sich etwas für Dich verändert, seitdem Du Deinen Etsy-Shop eröffnet hast?
Oh ja, sehr vieles! Etsy an sich war schon eine großartige Entdeckung, so viele Gleichgesinnte, so viel Schönes aus aller Welt… Meinen Etsy Shop eröffnete ich 2007 mit dem einfachen Wunsch, die vielen Dinge aus meinen Zeichenschränken endlich unter die Leute zu bringen, und seither ist SiebenMorgen zu einem Fulltime-Job geworden. Zuerst war’s nur eine Idee und ein Name mit poetischem Zweiklang, nun arbeite ich stetig daran SiebenMorgen weiter zuentwickeln und in Bewegung zu halten. So ein Shop will gepflegt sein, sonst steht er still. Es macht mich glücklich und zufrieden, dass sich Menschen am anderen Ende der Welt an meinen Arbeiten erfreuen. Dank Etsy habe ich viele neue und interessante Kontakte gefunden.

Hast Du bestimmte andere Lieblings-Etsy Shops, die wie uns dringend ansehen sollten?
Einer meiner Lieblingshops der ersten Stunde ist Slowshirts. Entdeckt habe ich Slow Loris erstmals auf Flickr und war total begeistert von den großartigen Siebdrucken auf Shirts, Papier, Holz, Accessoires, etc., Alles entsteht nach Original Handzeichnungen von Jessica Lynch, selbst die Filme für die Siebe schneidet Jessica oft von Hand. Slow Loris ist auf Guemes Island zu Hause und diese Landschaft findet sich auch in ihren Arbeiten wieder.
Dann ist da noch essimar, das Label der Künstlerin Esther Ramirez aus Chicago. Ich liebe den sehr reduzierten Stil, die leuchtenden Farben und Formen, klar, schlicht und dennoch verspielt und magisch.
Die hübschesten handgeschnitzten Stempel gibt es bei lovesprouts aus Singapur. Jo schnitzt zuckersüße Stempel in Perfektion, sie benutzt nur ein feines Grafikmesser zum Schneiden, so sauber habe ich noch niemanden Stempel schnitzen sehen. Sie verkauft auch das Stempelgummi selbst, aus dem sie ihre Stempel schneidet, ein ganz hervorragendes Material.

Gibt es vielleicht noch etwas, was Du uns sagen möchtest?
Danke!

Wir danken Dir liebe Tinee, dass Du Dir die Zeit genommen hast unsere neugierigen Fragen zu beantworten. Wir wünschen Dir weiterhin alles Gute und freuen uns auf viele weitere schöne Dinge von SiebenMorgen!